Was ist eine gute Entscheidung?

.. und weshalb weiß die Verkäuferin das und ich nicht?

Neulich habe ich mir nach eingehender Beratung durch eine nette Verkäuferin einen Pulli gekauft. Auf dem Weg zur Kasse gab sie mir dann noch den Satz mit „Da haben Sie aber eine gute Entscheidung getroffen.“ Auch wenn das ein Standardsatz guter Verkäufer ist, um unser Zaudern in der Nachentscheidungsphase abzumildern, frage ich mich natürlich, woher die Frau das wissen kann. Was war denn das Gute an der Entscheidung? Aus ihrer Sicht wahrscheinlich, dass ich den Pulli überhaupt gekauft habe…

Was ist eigentlich eine gute Entscheidung? Und für wen ist die Entscheidung gut? Für mich, für meine Familie, für die Gesellschaft? Erstaunlicherweise wird diese Frage in Büchern und Vorträgen zum Thema selten gestellt. Auch in der Forschung steht im Vordergrund, wie eine Entscheidung getroffen wird und weniger, ob es denn eine gute Entscheidung war.

Schauen wir uns also mal die Struktur einer Entscheidung am Beispiel der Entscheidung für einen neuen Job an. Da haben wir zunächst eine Person, nennen wir sie Ida, die zwischen drei Angeboten für einen neuen Job auswählen kann: Job A, Job B und Job C. Und dann haben wir die Auswirkungen der Entscheidung. Das können Personen sein (die Familie, die Freunde, Ida selbst), Materielles (die Verdienstmöglichkeiten, die Kosten eines eventuellen Umzugs) Immaterielles (Fahrtzeiten, Ansehen der Tätigkeit) oder auch Gefühle (Einklang mit den eigenen Werten, Stolz auf die Tätigkeit, etc.). Allein an der Aufzählung sieht man schon, dass es offensichtlich eine Menge Auswirkungen sind, die an der Entscheidung für einen Job hängen können. Es ist deshalb verständlich, wenn Ida eine gute Entscheidung treffen möchte.

Damit wir Ida helfen können, ist ein Blick auf die Gründe für eine Entscheidung hilfreich. Bei der Wahl zwischen einer oder mehreren Alternativen geht es meistens darum einen Nutzen oder Mehrwert gegenüber dem jetzigen Zustand zu erreichen. Irgendetwas soll besser sein als zuvor. Die erste Antwort auf die Frage, was eine gute Entscheidung ist wäre also: eine gute Entscheidung ist die, welche den größten Nutzen oder Mehrwert bringt. Worin dieser Nutzen oder Mehrwert besteht, ist dabei individuell sehr unterschiedlich. Da wir Ida noch nicht so gut kennen, wissen wir nicht, ob es ihr vor allem um Verdienstmöglichkeiten, persönliche Entwicklung oder die Nähe zu den Freunden geht.

Das schwierige bei Entscheidungen für Ida und uns alle ist aber: wie gut die Entscheidung war zeigt erst die Zukunft. Und die kennt Ida zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht. Sie kann sich also nur an dem erwarteten Mehrwert oder Nutzen orientieren. Außerdem können zukünftige Ereignisse den erwarteten Mehrwert verändern. Wenn sie ich Ida für Job B entscheidet und die Firma kurz darauf insolvent wird, hat sie Zeit verloren, muss sich neu bewerben und die vormals gute Entscheidung stellt sich im Nachhinein als die falsche heraus.

Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass jede Entscheidung Vor- und Nachteile hat. Ida kann z.B. in Job A mehr Geld verdienen, müsste aber in eine andere Stadt ziehen und würde ihre Freunde seltener sehen. Wie soll Ida zwischen den verschiedenen Aspekten abwägen? Überwiegt der Nutzen des höheren Gehalts das Risiko, sich von den Freunden zu entfremden?

Am liebsten würde Ida in einen „Future Shop“ gehen und sich dort drei Filme anschauen, die ihr die Zukunft der drei Alternativen zeigen würden. Dann könnte sie ihre Entscheidung zumindest mit weniger Unsicherheiten fällen. Aber wüsste Ida dann auch, welches die beste Entscheidung wäre?

Und um es Ida noch schwerer zu machen können wir noch die Frage hinzufügen: welche Personen sind denn von der Entscheidung betroffen? Und für wen ist es denn eine gute Entscheidung? In Job A kann Ida mehr verdienen, aber in Job C hilft sie anderen Menschen mehr. Was ist denn wichtiger: gut für Ida oder gut für andere?

Und dann gibt es ja auch noch das Bauchgefühl: eine Entscheidung ist dann gut, wenn Ida dabei ein gutes Gefühl hat. Woher kommt aber das Gefühl? Eine wesentliche Rolle spielt dabei das Erfahrungswissen. Das funktioniert gut in bekannten Situationen. Die Entscheidung zwischen drei Jobs ist allerdings keine alltägliche Erfahrung. Und es kann gut sein, dass Denkautobahnen in Idas Gehirn Aspekte in die Entscheidung einbeziehen, die mit dem Job nichts zu tun haben: so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich Job B für sie gut anfühlt, weil das Unternehmen ganz in der Nähe ihrer Wohnung liegt und es ihr irgendwie vertraut vorkommt. Mit dem Job selber hat diese Einschätzung allerdings eher wenig zu tun und es ist fraglich, ob das Bauchgefühl in diesem Fall weiterhilft.

Offensichtlich ist die Frage, was denn eine gute Entscheidung ist gar nicht so leicht zu beantworten und unsere Überlegungen waren bisher nicht besonders hilfreich für Ida. Wie können wir Ida nun zu einer guten Entscheidung verhelfen?

Wir hatten bei der Struktur der Entscheidung folgende Elemente identifiziert: Ida, die drei Alternativen und deren Auswirkungen. Bisher haben wir vor allem auf die Alternativen und ihre Auswirkungen geschaut. Was uns bis jetzt fehlt ist der Blick auf Ida. Was möchte Ida eigentlich? Da Ida die Hauptbetroffene der Entscheidung sein wird, sollte sie sich auch den Maßstab setzen, was eine gute Entscheidung ist. Daraus ergibt sich ein hilfreicher Ansatz: Eine Entscheidung ist dann gut, wenn sie in möglichst hoher Einstimmung mit Idas Vorstellungen, Wünschen und Werten von Ida steht. Ida kommt einer guten Entscheidung näher, wenn sie weiß, was ihr eigentlich wichtig ist. So hat sie zumindest Referenzpunkte, um die Vor- und Nachteile der Alternativen damit zu vergleichen.

Was bleibt, ist Idas Unsicherheit, ob die erwarteten Mehrwerte denn auch tatsächlich eintreffen. Da auch wir nicht in die Zukunft blicken können und der Future Shop noch nicht erfunden wude, können wir Ida nur folgendes mit auf den Weg geben:

  • Ob die erwarteten Nutzen eintreten werden, liegt in vielen Fällen an externen Umständen, die Ida ohnehin kaum beeinflussen kann. Weshalb sollte sie sich also darüber heute schon Gedanken machen? Und es können sich gute Gelegenheiten bieten, die heute noch gar nicht absehbar sind.
  • Statt zu lange Alternativen gegeneinander abzuwägen ist es viel wichtiger, überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Die Kosten des Nicht-Entscheidens sind oft höher als die Kosten eine falschen Entscheidung.
  • Auch falsche Entscheidungen sind wichtig: sie sind hervorragende Lernmöglichkeiten, regen zur Reflexion an und helfen Ida, sich weiterzuentwickeln. Viele Entscheidungen lassen sich auch rückgängig machen. Das kostet zwar Zeit und Mühen. Meistens ist das aber besser als an einer falschen Entscheidung festzuhalten.

Gerade bei wichtigen Entscheidungen kann auch ein Coach helfen, objektiver auf die Alternativen zu schauen und Aspekte zu entdecken, die man selber bis dahin übersehen hat. Ich kenne da auch jemanden, der gerne bei Entscheidungen unterstützt.

So, und ich gehe jetzt nochmal zu der Verkäuferin und frage sie, was denn eine gute Entscheidung ist. Sie scheint es ja zu wissen…